Projekt: Frauenprotest in der Berliner Rosenstraße 1943
Überlegungen zu einem Spurensuche-Projekt 1993
Gerhard Schumm


Das Thema/Das Vorhaben

In den letzten Februartagen des Jahres 1943 kam es in Berlin zu einem Ereignis ohne gleichen: draußen vor dem Sammelager "Rosenstraße" in der Berliner Innenstadt sammelten sich die Angehörigen der dort inhaftierten, von Deportation bedrohten Berliner jüdischer Herkunft. In ihrer Mehrheit waren es Frauen, die so dem Naziterror trotzten. Sie lebten in "Mischehen", wie es die Nazis nannten und hatten bereits die Jahre zuvor trotz der Schikanen, Drangsalierungen, der Entrechtung zu ihren Ehepartnern gehalten. Eine Woche lang standen - obschon Demonstrationen seit dem Mai 33 verboten waren - in aller Öffentlichkeit vor dem Sammellager; mutig und verzweifelt. Am 6. März wurden die Inhaftierten freigelassen.

Zu diesem Thema haben wir als "Projektgruppe Rosenstraße" innerhalb eines Wahlseminars der FHSS ein Jahr lang gearbeitet; haben nach Texten, nach Fotos gesucht, Interviews mit Zeitzeuginnen und -zeugen geführt, Orte erkundet. Am Ende sollte eine mit und in verschiedenen Medien (Diaserie, Ausstellung, Informationsveranstaltung, Zeitungsartikel) sich ausdrückende Öffentlichkeitsarbeit stehen. An die Widerständigkeit der Frauen gegen den Rassismus der Nazis , an diesen aus Liebe gespeisten Trotz sollte erinnert werden. An die Verfolgung von "Mischlingen" und "Volksfremden". Angesichts der Überfälle, der Ermordungen von Exilsuchenden und farbigen Einwohnern in unseren Tagen, angesichts eines um sich greifenden, administrativ lancierten, politisch organisierten Rassismus' ein aktuelles Thema.

Die Sache selber soll hier nicht dargestellt werden. Einen Einblick vermittelt die Website 
http://www.rosenstrasse-protest.de/   Stattdessen soll unsere Arbeitsmethodik nachgezeichnet werden.


 
Beginn: Spuren erspüren und aufnehmen

Auf was konnten wir zurückgreifen? Üppig ist die vorhandene Literatur nicht. In Schulbüchern steht nichts. In wissenschaftlichen Büchern finden sich immer nur ein paar - oft sehr ähnliche - Sätze. Wenn die Profi-Historiker zu einem Thema derart wortkarg und schweigsam sind, macht das neugierig. Aber es gibt einen kurzen, sehr eindruchsvollen Zeitungsaufsatz eines amerikanischen Geschichtsstudenten, es gibt ein Jugendbuch zum Thema: beides war hilfreich.

Normalerweise würde ein Seminar zu einem historischen Thema mit einer von der Dozentin, vom Dozenten vororganisierten systematischen wissenschaftlichen Aufarbeitung beginnen.

Der Zusammenhang zwischen Kriegsplanung, Kriegsführung und antisemitischem Rassismus wäre aufzuarbeiten. Die Stufen der durch Verordnungen und Gesetze abgesichterten Gängelung, Drangsaliererei, Brutalität. Der Weg des administrativen Rassismus' vom Berufsverbot und Eheverbot, von den Abwicklungen und Entlassungen, über Erfassung, Volkszählung, Zwangsnamen und Zwangskennzeichen bis zu Deportation müßte erfaßt werden. Der Widerstand dagegen. Er wäre durch Quellen des SD und der Gestapo zu erforschen. Die Spezifik des Frauenwiderstand (Kurierarbeit, Logistik des Widerstands, Sabotageaktionen, Unberechenbarkeit, Äußerungen der Unzufriedenheit in Läden, Betrieben.) Schließlich wäre ein breiter Umriß für das Jahr 1942/1943 nötig: Wirkung der Stalingrad-Niederlage, Kriegserklärung der Amerikaner, erfolgreiche britische Bombardements, Münchner Widerstandsaktionen. Die Umstrukturierung der Gestapo im Dez 92 durch die aus Wien zugereisten Verhaftungs-Spezialisten. Die Situation der Frauen in den Betrieben durchs Sauckel-Programm. Die Versorgung in den Verkaufstätten. Auch die Situation der Potentaten: Hitler "Abtauchen" im Februar 43, sein Zögern beim "Ehescheidungs-Gesetz" für "Mischlinge".

So sind wir nicht vorgegangen. Das haben wir nicht brav abgearbeitet. Spurensuche verfügt nicht vorneweg über eine gut vermessene Landkarte. Weg und Landkarte müssen aus Indizien heraus erst erschlossen werden. Stattdessen: wir haben heterogenes Foto- und Textmaterial gesammelt. Ein Materialordner füllte sich mit Fotokopien. Wenig wissenschaftliche Texte. Ehrlicherweise: nicht immer intensiv gelesen. Viele Ausschnitte aus Romanen. Viele Tagebuchauszüge. Zeitschriftenartikel. Fotos.

Das Projekt "Rosenstraße" war ein soziokulturelles Arbeitsprojekt. Kulturarbeit, die sich als Annäherung und Entäußerung versteht (Selbst- und Umweltaneignung, Selbstöffnung für's Außen und nach Außen) beinhaltet andere Methoden und Verlaufsprozesse als sie in wissenschaftlichen Seminaren üblich sind.

Da bildet das eigenständige Aufspüren und unbefangene Erspüren von Material einen wichtigen Aspekt der Arbeit. Da ist nicht nur die durch die Lehrkraft gutsortierte, schrittweise Fundierung, sondern auch der erste Eindruck, das Herantasten an ein Thema, da sind Spüren und Aufspüren von Bedeutung. Oftmals gruppieren sich die Phantasien und Ideen gerade um's Unfertige, nur Umrißhafte herum.

Die ersten zwei Monate bestanden aus Erkundungen, aus Orientierungs- und Suchbewegungen und einigen erarbeiteten Fundstücken. Die Arbeit könnte man so umreißen: global-thematisches Aspektieren, lokales Vertiefen, Erkundung der eigenen Motive, Aufspüren von Suchbegriffen. Punktuell haben wir thematisch gearbeitet, haben wir etwas vertieft. Ein Referat zur Spezifik des Frauenwiderstands. Eine Darstellung der Unterdrückung der Juden. Außerdem erinnere ich eine Debatte, wer auf welche Weise in seinem eigenen Leben mit Nazismus in Berührung kam. Ich erinnere lange Gespräche darüber, welche Fragen wir haben, was wir wissen.

Am Ende dieses Arbeitsabschnitts schälten sich einige Suchfragen heraus:

War es eine Ansammlung, eine Versammlung? War es ein Sich-Hinstellen, ein Entgegenstellen? Ein Protest, ein Aufbegehren, war es Widerstand? Fragen nach Differenzierungen im Begriff "Widerstand".

Handelt es sich beim Protest in der Rosenstraße um eine herausgenommene Aktion oder steht er in der jahrelangen Kontinuität des persönlichen Sich-Wehrens, des Durchhaltens, der trotzigen Liebe, mit der Beziehungen, Ehen damals durchgehalten wurden?

War der Protest erfolgreich? Wären die Freilassungen auch ohne den Protest erfolgt? Drohten sie auch danach?

Warum haben sich die arrivierten Historikerinnen nicht damit beschäftigt? Warum ist die Rosenstraße bisher kaum Thema für die Linke und keines für die jüdische Gemeinde? Warum ist es kein Topos des Frauenwiderstands?



 Asynchronitäten im Theorie-Praxis-Verhältnis

Ein Student hat sich aus dem Seminar verabschiedet. Begründung unter anderem: Zeitmangel und - verärgert: das Seminar arbeite unsystematisch. So fehle der Rückhalt, die stabile Wissensbasis.

Er hatte Recht. Und dennoch halte ich das Vorgehen (fragmentarische, spontane, umwegige Aneignungsphase) auch im Nachhinein für richtig. Künstlerische-kulturelle Tätigkeit arbeitet nicht einen zuvor skizzierten Plan ab. Sie entzündet sich an Leerstellen, am Offenen, am Unabgegoltenen innerhalb eines abgesteckten Themenrahmens. Wer später noch die Verve für Interviews, Transkripte, Artikel, Plakate, Dias, Video, Presseinterviews, Zeitzeugen-Veranstaltung benötigt, kann nicht schon zu Beginn wissenschaftlich erschöpfend, abgesichert wissend antreten. Das Neugierdemoment, die Lust auf Unterwartetes, auf Nicht-Gewußtes, Erkundungsinteressen darf man sich selbst nicht leerlöffeln. Und ich glaube auch, daß die Konventionen wissenschaftlich-peniblen Arbeitens Projektgruppen in ihrem eingeübten Arbeitsstil schnell erstarren lassen. Das oftmals müde, diszipliniert-domestizierte "wissenschaftliche Arbeiten" hindert einen später, vom Stuhl aufzuspringen, mitten im Gespräch nach einem Bild oder einen Text zu suchen. Es begrenzt mediale Assoziationen: z.B. daß man während man in einer Bibliothek einen Text liest, ihn zugleich mit dem eigenen Fotoapparat fotografiert, daß man ihn sich typografisch auf ein Plakat montiert vorzustellen vermag, daß man ihn sich vorgelesen denken kann. Man muß eine Methode für solche Wertschätzung des Disparaten kultivieren. Amerikanische Drehbuchautoren nennen das, was man da entwickeln muß, den "kreativen Grabscher". Die Bilder, die Realisationsideen, die Nebengedanken, das Vorbewußte gilt es, prompt und unzensiert als Krakeleien, als Einwort-Entwürfe auf Notizzettel zu notieren. Wenn am Ende Wänden, Video- und Tonbandkassetten, Bücher mit Notaten übersät sind, ist's richtig.

Nicht zu unterschätzen: der Theorie-Nachhole-Effekt bei praktischer Medienarbeit. Nicht alles muß vorneweg gewußt werden, wenn später praktisch weitergearbeitet wird. Wenn ich später für ein Plakat einen Text schreibe und jetzt nur den Themenrahmen angeben kann, bisher mehr Vorgaben als Füllung habe, dann ist eben vielleicht erst später der Zeitpunkt, an dem ich mir das notwendige Wissen aus Büchern hole, erst dann, wo ich es wirklich will. Und ich finde mich bei der Vorbereitung eines Zeitzeuginnen-Interviews über Büchern, in Archiven sitzend mit einem Mal in einer Art von Studium wieder, ohne daran gedacht zu haben, daß es sich um Studium handelt. Jeweils geht es um die unmittelbar notwendige Wissensfundierung im Prozeß selber. (Studium nicht als Scheinarbeit; nicht einem "Schein" zu Liebe.)

Zerbrechlichkeiten, Stabilisierungen

Wir sind schon gegen Ende des ersten Semesters in eine zweite Arbeitsphase gekommen, wo wir Aufrufe, Anfragen nach Zeitzeuginnen und -zeugen formulierten und sie Zeitungen, Verfolgten-Organisationen und Altersheimen zuschickten. Parallel entwickelten wir Ideen, in welcher Art wir medial arbeiten könnten. Es wurde über Dokumentationen auf Video oder Tonband nachgedacht, über akustische Inszenierungen, theatrale "Schattenspiele" nachts vor Ort, über "Fußspuren" in der Rosenstraße, über Broschüren, Ausstellungen. Und auch darüber wurde nachgedacht: Was? Wozu? Für wen?

Jedes Projekt hat zerbrechliche Stellen. Die Phase des überbordenden Pläneschmiedens ohne die Sicherheit, ob diese Projektgruppe ihre Phantasien wird einlösen können, ob sie dem Thema sich als gewachsen zeigen wird, das ist ein derartiger riskanter Kipp-Punkt. Er lag kurz vor den Sommer-Semesterferien. Daß noch vor den langen Ferien erste Zeitzeuginnen auf unsere Anzeigen antworteten und wir nicht ins Leere fragten, daß erste Vor-Interviews geführt werden konnten, war ein Glücksumstand. Von außen wurde uns gezeigt, daß wir so falsch nicht liegen. Von außen - erste öffentliche Antwort - bekam unser erster Arbeitsschritt ein bestätigendes Echo. Wäre das nicht gewesen, vielleicht hätten sich nach den Ferien sehr viel weniger wiedergetroffen. Wäre das nicht gewesen, wäre die Unsicherheit des "Wie weiter" mitten in die Ferien gefallen.
Es gab - in dieser Phase - ein weiteres  stabilisierendes Moment: das war, daß wir uns - wunderbar unkompliziert - auf eine mediale Idee einigen konnten: die Idee mit der Litfaßsäule. Ein erreichbarer Ankerpunkt war gefunden. "Da stand eine Litfaßsäule, da versteckte ich mich immer" so der veröffentlichte Bericht einer Zeitzeugin. Diese Litfaßsäule gab es nicht mehr. Sie sollte nachgebaut und an der damaligen Stelle plaziert - das Trägermedium für unsere Öffentlichkeitsarbeit sein.

Aus unserer Mitte kam die Idee nicht. Eine Freundin hat sie entwickelt und uns geschenkt; abends im Gespräch beim Wein. Auch das ist wichtig: daß man ein Thema im Vorfeld schon Kreise ziehen läßt, daß man in einer Art privater Voröffentlichkeit unter Freundinnen und Freunden auslotet, was andere interessiert.

Visuell-topografische Spurensuche

Zwei Fotos. Das eine haben wir vorgefunden. Es zeigt das Gefangenenlager "Rosenstraße 2-4", wie es in den 40er Jahren aussah. Aufgenommen hat es der Fotograf Adam Pisarek, der selber in diesem Haus gefangen gehalten worden ist.


   
In Büchern findet sich merkwürdigerweise eine große Anzahl vollständig von einander abweichender Angaben, wo dieses Haus in der Rosenstraße nun eigentlich stand oder steht. Von den Zeitzeuginnen konnte es uns niemand sagen. Dieses Foto war eine Spur. Sie war nicht weiterverfolgt worden. Niemand hatte sie aufgegriffen. Wir wollten wissen, worüber wir sprechen. Auch räumlich und örtlich.

Das zweite Foto zeigt die Situation heute. Im Foto versteckt sich unsichtbar unsere Sucharbeit in alten Adressbüchern, alten Stadtplänen. Die beiden Pfeile auf den Fotos markieren wiedererkennbare Indizien des Nachbarhauses: der Kamin, der Bogen des Fensters im Erdgeschoss. Auf Foto 1 ist im Vordergrund eine Litfaßsäule zu sehen. Sie stand früher - wie alte Grundrißpläne ausweisen - auf einer Verkehrsinsel, deren Fläche jetzt dem Bürgersteig zugeschlagen worden ist. Es ist die Tochter des Fotografen Pisarek, die sich erinnert, wie sie als Mädchen ihrem in der Rosenstraße inhaftierten Vater - halb hinter der Litfaßsäule versteckt - zugewunken hat. Jetzt wußten wir: genau dort werden wir wieder eine Litfaßsäule hinstellen. Und wenn man die Informationen auf ihr durchliest und ein wenig zurücktritt, wird man den Blick des Fotografen Adam Pisarek wiederholen können und den seiner Tochter. Man wird sich etwas denken und vorstellen müssen, weil es jetzt nicht mehr sichtbar ist.

Dynamik aus der Selbstentfaltung des Themas


Das zweite Semester hatte einen anderen Charakter. Methodik, Arbeitsschritte, Zwischenergebnisse sind weitgehend vom Thema und den Fundsachen selber hervorgetrieben worden. Wir hatten uns im ersten Semester eine reaktionsfähige, "kritische" Masse erarbeitet. Nun setzte sich die Reaktion mit einer in der Logik der Sache liegenden Dynamik in Gang. Wenig Steuerung war nötig. Dafür war diese Arbeitsphase arbeitsfressend, zeit- und kräftetilgend. Die Probleme verschoben sich von der Frage des Zündens und Sich-Entzündens zu Fragen der Zeit-Arbeitökonomie.

Vom Ende her aufgerollt, kann man sagen, daß wir medial sehr breit gearbeitet haben, sich unsere Arbeit spiralförmig ausfächerte: Zeitzeugen-Gespräche wurden geführt, durch Tonbandaufnahmen und zeitaufwendige Transkripte gesichert. Bei den Gesprächen wurden persönliche Dokumente fotografiert. Wir haben in einer späteren Arbeitsphase großformatige Plakate zum Thema gestaltet. Ein Teil der Plakate wurde an eine angemietete Litfaßsäule draußen vor Ort ausgehängt. Die Gesamtheit der Plakate ergab später eine Ausstellung im Treppenhaus des um die Ecke gelegenen Kulturhauses. Dort wurde eine öffentlich in der Presse mitgeteilte Veranstaltung mit Gesprächen mit den Zeitzeuginnen organisiert. In diese Veranstaltung hatten wir eine Diavorführung eingebettet. In ihr wurde die heutige Situation in der Rosenstraße, Fotos von der früheren Arbeit im Gebäude Rosenstraße 2-4, Dokumente und Aspekte des administrativ-bürokratischen Rassismus gezeigt und das Aufstellen der Litfaßsäule dargestellt.

Auch diese Veranstaltung wurde als Material gesichert und auf Tonband und Video aufgenommen. Die Presse wurde über beide Öffentlichkeitsaktionen (Litfaßsäule und Abendveranstaltung) informiert. In mehreren Zeitungen erschienen ausführliche Artikel (ZAG, Frankfurter Rundschau, TAZ, Freitag, Berliner Zeitung, Junge Welt, BE). Das Thema "Rosenstraße" ist einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich geworden.

Baukastenkonzept

Der arbeitsökonomische Trick - Grundlage für außerberufliche Kulturarbeit - bestand im einem baukastenartigen Medienverbundkonzept, in dem die Einzelrealisate aufeinander abgestimmt waren und sich wechselseitig stützten. Diese Medien-Verflechtung sah z.B. so aus. Wir haben Anzeigen für Interviews gesetzt. Wir haben daraufhin sonderbare Absagen von Altersheimleitern, erste knappe Antworten, erste berichterstattende Briefe erhalten. Unsere Anzeige und die Antworten: bereits jetzt kam Material für unsere Plakate, für die Ausstellung, für eine evtl. Broschüre zusammen. Es geht schon zu Beginn um eine Verschränkung der Aufarbeitung des Themas und seiner visuellen Gestaltung, um die Verbindung von Aneignungs- und Öffentlichkeitsarbeit.- Die Besuche zu Beginn des zweiten Semesters bei den Zeitzeuginnen diente den Gesprächen, erbrachte aber zugleich auch Fotos von persönlichen Dokumenten. Fotos aus Büchern und von Dokumenten wurden auf Dias und S/W gemacht. Diese Schwarzweiß-Fotos wurden in der letzten Arbeitsphase Teil unserer Plakat-Ausstellung. Die Dias wurden Teil einer Dia-Reihe bei der Zeitzeugen-Veranstaltung. 

 Rückversicherung durch Teilergebnisse

Ich glaube, daß bei solcher konzentrisch sich weitenden Arbeit die größte Gefahr darin liegt, sich zu überheben. Wenn man merkt, daß die eigenen Kräfte überfordert sind, muß man notfalls Zurücknahmen am Konzept machen können, ohne daß das Gesamvorhaben zusammenbricht. Ein Projekt muß bereits in den Einzelschritten abgesichert sein. Zur Not müssen auch sie für sich stehen können.

Es gab solche Sicherheit gebende Rückzugsmöglichkeiten durch eine "modulare Medienkonzeption" auf mehreren Arbeitstufen. Es wäre, wenn Geld und Arbeitszeit nicht für die Plakatausstellung gereicht hätten, möglich gewesen, sich auf die Litfaßsäule zu beschränken. Wäre die Anmietung der Litfaß-Säule nicht gelungen, hätte zur Not auch die Plakatausstellung für sich allein stehen können. Die Dia-Vorführung hätte aus dem Konzept für die Abendveranstaltung wieder herausgenommen werden können, wäre sie nicht rechtzeitig fertiggeworden. Bei der Abendveranstaltung sah es zwischenzeitlich so aus, als würde uns eine dezente Tonverstärkung nicht gelingen, weil es Probleme mit den 6 Mikros und dem Mischpult gab. Man hätte sich aber auch dann noch auf eine intimere, kleinere Veranstaltung zurückziehen können. Statt der drei Räume wäre dann nur ein Raum geöffnet worden. Am meisten bangten wir, ob uns die Zeitzeuginnen im letzten Moment absagen würden. Eine Informationsveranstaltung ohne sie - nur mit Ausstellung, Diareihe und vorgelesenen Texten - das wäre schlecht vorstellbar gewesen. Erst nachdem sie fest zugesagt hatten, begannen wir deshalb, unsere Einladungen an Freundinnen und Freunde und an die Presse zu verschicken.



Medienspezifik, Entsorgung eingeschliffener Konventionen

Die überschlägige Analyse der Spezifik eines jeden Mediums und seiner jeweiligen gesellschaftlichen (konventionellen) Vororganisation ist unumgänglich.

Bei der Gestaltung der Ausstellungsplakate waren Kurzbesuche von befreundeten Grafikern hilfreich. Eine funktionellere Gliederung der Plakatfläche, die Medienspezifik von Auffälligkeit und Übersichtlichkeit (Trennung der grafischen Bereich für Information und Illustration) war uns danach klarer.

Die Spezifik einer Litfaßsäulengestaltung wurde in der Arbeit selbst deutlicher: sie benötigt grafische Impulse, die das Drumherumgehen des Betrachters stimulieren. Das Medium Litfaßsäule hat sich im Nachhinein gesehen als erstaunlich kostengünstig, auffällig und informativ herausgestellt. Es wird wenig eingesetzt. Es war für die Pressekontakte nicht unwichtig. Dem Medium Litfaßsäule fehlt das Pathos der Gedenktafeln, das auf Ewigkeit zielende Messing. Es informiert unprätentiös und markiert zugleich auffällig seine Bedeutung, zumal eine nicht-kommerzielle Litfaßsäule Aufmerken bewirkt. Nach der Aufstellung waren wir über die Wirksamkeit des Mediums erstaunt: die Busse von alternativen Stadtreisefirmen hielten an der Litfaßsäule bei ihren Stadtrundfahren durch den Bezirk Mitte an, die "Touristen" stiegen aus, um die Texte zu lesen und Bilder anzusehen. Womit wir auch nicht gerechnet hatten: eines Tags fanden wir Blumen am Sockel der Litfaßsäule.

Die Anmietung von Litfaßsäulen ist vollständig kommerzialisiert und monopolisiert: es gibt nur eine einzige Firma. Sie behielt sich bis zum letzten Augenblick des Aufklebens eine Zensur vor, sicherte sich durch ein Telex ab, in dem sich die Firma das "Neutralisieren" (das war schön formuliert) der Säule vorbehielt. Beim Ankleben unserer Plakate mußte gewartet werden, bis die Herren der Firma, irgendwelche Abteilungsleiter, als Text-und Bild-Kontrolleure erschienen und mit dem Kopf nickten.


 
Wenn es beim Medium Litfaßsäule dessen Kommerz-Hintergrund in der Rezeption und die monopolistische Zensur zu berücksichtigen gilt, ist für Diavorführungen der eingeschliffene privatistische Vorführ-Charakter typisch. ("Onkel-Otto-zeigt-wieder-seine Urlaubsdias-Gähn.") Diavorführungen haben zugleich etwas sehr Offenes. Die Bilder werden direkt kommentiert. Jede(r) kann nachfragen. Und Dias sind - das wird oft unterschätzt - sehr brillant. Das Material steht technisch auf der Stufe des gediegenen 35mm-Films, ist visuell beeindruckend. Es ist ein blitzschnelles Medium geworden. Die Entwicklung dauert nur noch Stunden. Es kann vor großen Gruppen gezeigt werden. Statt kleiner Video-Monitore gibt es die große Leinwand. Wir haben zur Projektion ein weißes Tuch in die Raummitte gehängt. Man konnte - ohne daß ein großes Stühlerücken begann - von allen Seiten des Raumes draufsehen, weil eine Stoffleinwand von vorne und hinten zugleich betrachtet werden kann. Es gab bei der Vorführung spontan Nachfragen. Die Vorführung trug den Charakter des Vorweisens von Arbeitsergebnissen und sie enthielt Fotos vom Aufstellen der Litfaßsäule, die wenige Stunden zuvor entstanden. Ein Videofilm wäre - wie das Fernsehen - hermetischer gewesen. Zwischenfragen wären ausgeblieben. Die Montage hätte nicht so aktuell sein können, weil Tage dafür notwendig gewesen wären.

Bei der Abendveranstaltung ging es darum, nicht durch rabiate Tonverstärkung und lästiges Mikro-Hantieren die erfahrungsorientierte Gesprächs-Atmosphäre zu zerschlagen. Bei Sprache, die über Lautsprecher abgestrahlt wird, hat man sich mittlerweile angewöhnt, reflexhaft wegzuhören und sich prompt mit seinen Freundinnen und Freunden zu unterhalten. Darin geht die Erfahrung ein, daß diejenigen, die da so laut zu einem sprechen, wahrscheinlich so laut sprechen, damit sie sich nicht selbst hören müssen. Der seichte Statement-Charakter leergelaufener Politik haftet den Worten aus Lautsprechern an. Aber es galt, Voraussetzungen fürs akustische Verstehen zu schaffen. Den Widerspruch haben wir aufgelöst durch eine unübliche Sorgfalt bei der Tonabnahme. Man muß sich mit der Technik intensiver beschäftigen, wenn sie in den Hintergrund treten soll. Drei Menschen waren mit Lavalier-Mikros und der Aussteuerung eines Mehrkanal-Mischpult beschäftigt. Zugleich wurde der Tonpegel nur wenig angehoben. Als Zuhörer vergaß man die Technik. Lautsprecher müssen - entgegen ihrer Bezeichnung - nicht laut sein. Menschen will man sprechen hören. Mehr muß es gar nicht sein.

Die Abendveranstaltung, die Fragen und Gespräche wurden vorüberlegt und mit den Zeitzeuginnen abgesprochen. Am Tag der Veranstaltung wurden zuvor spontan nochmal "Durchlaufproben" gemacht. Wir fanden einen Raum vor, dessen Bestuhlung für eine Versammlung oder eine Vorführung arrangiert war: frontal ein Podium und brave Zuhörerreihen. Der Raum, die Stühle waren als Medium sozusagen rituell vororganisiert. Vom Fernsehen her gibt es das Angebot des lockeren Medien-Ambientes gesprächig-geschwätziger Talk-Runden. Wir haben die miltiärische Ordnung der Stuhlreihen aufgelöst, haben Steh-Lampen in den indirekt beleuchteten Raum gestellt, um Raum-Zentren spürbar werden zu lassen. Das macht das TV heute so. Die Fragen und Gespräche waren aber nicht unstruktierter Beliebigkeit ausgeliefert, wo das Thema springt und beiläufig behandelt wird. Das macht das TV in den Talkshows so nicht. Es wurde stattdessen den Zuhörenden zuvor gesagt, was gefragt, was besprochen werden soll. Für Nachfragen und Diskussion wurde erst nach einer Phase der ausführlichen Darstellung Raum gegeben.

Interesse, Nachfragen, Sparwille

Die Anfragen - jetzt im Nachhinein - z.T. von renommierten Instituten sehen wir ambivalent: daß es gelungen ist, Interesse an diesem Thema zu erzeugen: natürlich freut das. Daß diejenigen, die für langfristige historische Forschung bezahlt werden und mit entsprechenden Etats ausgestattet werden, daß die nun Kataloge und Material von uns erwarten, wo wir nicht einmal über Mittel für eine kleine Broschüre verfügen, ist verquer. Uns aber fehlten ein paar hundert Mark für die verlängerte Standmiete der Litfaßsäule. Wo immer wir anfragen, ist das Interesse sehr groß. Wo wir um finanzielle Unterstützung bitten, stoßen wir auf einen eindrucksvoll unbeugsamen Sparsamkeitswillen von Institutionen.