Montage ist die einzige neue Kunstform, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat

Alfred Hitchcock



Notizen zum Studium der Montage an der HFF-Babelsberg | Sept 04
Gerhard Schumm
 
Theorie-Praxis
Künstlerische Filmmontage ist beides: theoretisch reflektierte Praxis und praktisch gewendete Theorie. Insofern ist verständlich, daß uns im Studiengang Montage der HFF-Babelsberg die Theorie-Praxis-Verbindung wichtig ist. Bei den Diplomfilmen und in den Diplomarbeitstexten, in den Lehrveranstaltungen und Forschungsvorhaben nehmen wir die theoretischen und die praktischen Aspekte in gleicher Weise ernst. Denn der Schneideraum ist ein Ort der praktischen Arbeit und des Innehaltens, des Sich-Besinnens, des Nach- und Aufspürens. Die theoretisch-praktischen Momente künstlerischer Arbeit verlangen emotionale Klugheit und sinnliches Denken und ein Studium, das beide Momente zu entfalten versucht.
 
Filmstudium aus dem Blickwinkel der Montage
Der Studiengang begreift das von ihm angebotene Studium als Studium der künstlerischen Filmarbeit mit Montageschwerpunkt. Ein Studium ermöglicht spätere berufliche Tätigkeit und ist dennoch keine Berufsausbildung. Wir bilden keine Editoren für die Kino-, TV-, Filmbranche aus. Das Studium zielt auf eine Auseinandersetzung mit den ästhetischen Erfahrungsprozessen künstlerischer Montage. Und das Studium will zu selbstbewusster, von Eigeninitiative und Interesse geprägter Arbeit - sowohl in individueller Arbeit als auch in Teamarbeit - befähigen. Ein Studium bildet einen Überschuß, ein Reservoir: es dient der Entwicklung eigener Persönlichkeit. Der Herausbildung eigener Intensität, Aufmerksamkeit, Sensibilität, Stärke, Selbsteinsicht, Welteinsicht. Wenn man Glück hat, hält das ein Weilchen.
 
Schnittarbeit - an eigenem oder fremdem Material gleichermaßen - gründet auf einer ganzheitlichen Sicht auf den Film - diese allerdings aus dem Blickwinkel der Montage. Ein montagespezifisch akzentuiertes Filmstudium ermöglicht den Studierenden, Fähigkeiten, Sensibilität und Erfahrungen dafür zu entwickeln, die im Material schlummernden Ausdrucksmöglichkeiten und möglichen Materialkonstellationen aufzuspüren, sie durch Auswahl- und Anordnungsprozesse auszuloten, das Material zu strukturieren, rhythmisch zu artikulieren und sich mit anderen darüber verständigen zu können.

Ganzheitliches und arbeitsteiliges Arbeiten
Wie man arbeitet, ob allein oder im Team, ist nicht besser und nicht schlechter und ist kein Wert an sich. Es sind verschiedene Arbeitsmethoden. Welche man wählt, hängt davon ab, was man will. Wichtig vor allem ist es, herauszufinden, was und wie man es ausdrücken will.

Ein Teil der Filmübungen im Studiengang Montage erfolgt in arbeitsteiliger Teamarbeit. Ein anderer beinhaltet eigenverantwortliche Film- und Montagearbeit innerhalb des Studiengangs. Beide Übungsansätze akzentuieren je verschiedene Methoden des künstlerischen Schaffensprozesses. Das ganzheitliche Arbeiten zielt auf die Entwicklung der künstlerischen Persönlichkeit. Es betont, daß ein künstlerisches Studium im wesentlichen Selbststudium ist, geprägt von radikaler und ungeschützter Eigenverantwortlichkeit, von der Suche nach den eigenen Wünschen, nach dem, was man zu sagen hat, nach dem, was man sagen will.
Die arbeitsteiligen Übungen helfen einem herauszufinden, wie man in einer Gruppe eigenverantwortlich, profund, versiert und einander anregend und helfend zusammenarbeiten kann. Elaborierte Filmproduktion wird schnell komplex, verlangt dann so viel sinnliche und gedankliche Aufmerksamkeit, daß man als Allrounder dem nur schwer gerecht werden kann und Sehnsucht nach der Zusammenarbeit mit anderen bekommt. Wer Musik macht, weiß darum: wenn man raushat, wie das eigene Instrument klingt, wenn man sich selbst hören und alleine spielen kann, dann können Glück und Leichtigkeit im Zusammenspielen entstehen. Beide Ansätze ergänzen einander in kunstpädagogisch sinnvoller Weise.

Blick auf die Sache und zu mir selbst - kein seitwärts Schielen
Ein Studium erlaubt den langanhaltenden Blick auf die Sache selbst, die intensive Auseinandersetzung mit dem Gegenstand und die Entdeckung der persönlichen Haltung ihm gegenüber. Ein Blick, der wertvoll und selten ist. Wie wirkt das Montierte auf mich? Kann ich damit etwas anfangen? Berührt es mich? Sagt es mir etwas als Bild, als Sound, als Materialkonstellation? Hat es etwas über die Welt, hat es etwas über die, die es gemacht haben, zu sagen? Einen intensiven Blick auf die Sache richten, meint etwas ganz einfaches und ist doch irre schwer: zu sich selber und hinter der Sache stehen können. Das haltlose Schielen zur Seite hin, dorthin, was die anderen machen, dahin, was gerade angesagt ist, das Bangen darum, was die Konkurrenz macht, die eilfertige Suche, was wohl von einem gewollt wird, bevor man rausgefunden hat, was man selber will, das kann einem beim Studieren nicht helfen. Das Ziel ist nicht der silberne Schnittlauch von Cannes oder Braunschweig bereits zu Studienzeiten, sondern Erkenntnisgewinn durch liebevolles Arbeiten.

Montagetechnik als Moment medienspezifischer ästhetischer Erfahrung
Die für montagespezifische Entwurfs- und Gestaltungsverfahren nötige Technik hat sich in den letzten Jahren sehr erweitert. Sie ist flexibler und reicher geworden. Der nonlinearen (16mm | 35mm-Schneidetisch und Schnittcomputer) und linearen Montagegestaltung (EB-Schnittplatz) stehen dadurch Verfahren der interaktiven und der innerszenischen Montage (Compositing) zur Seite. Diese avancierte Montagetechnik stellt nicht geringe Anforderungen, um mit ihr künstlerisch versiert arbeiten zu können. Medien, Material und Werkzeuge stellen mit ihren Möglichkeiten und zugleich auch mit ihren speziellen Unmöglichkeiten, ihren Macken und Fehlern ein wichtiges Moment im kreativen Gestaltungsprozess dar. Die Erforschung des jeweils ganz spezifischen Materials und Werkzeugs ist Teil der künstlerischen Lehre. Deshalb wird dieser Aspekt der Montage nicht abgetrennt in Technikkursen unterrichtet, sondern projektbezogen und mit ästhetischen Zielsetzungen verbunden.

Montage als ästhetisches Forschungsfeld
Eine Hochschule dient nicht der Simulation späterer Berufstätigkeit und ist kein Bonsai-TV. Ein Studium ist ein spezifisches Tätigkeitsfeld innerhalb der Gesellschaft und darin eigengültig. Es leistet anderes als Erwerbstätigkeit zu leisten vermag - weniger und zugleich mehr. Es ermöglicht individuelle und gesellschaftliche Entwicklung, beinhaltet künstlerisches, theoretisches und praktisches Erkunden, Forschen und Experimentieren.

In einer Hochschule gilt es, den Verhältnissen und Dingen radikal auf den Grund zu gehen, sie unverstellt und neu zu sehen. Es geht um Forschung und Experiment. Nicht um Nachahmung, Perfektion und Nachvollzug. Montage besitzt von sich aus eine feine Nähe zu Forschung und Experiment. Montage bedeutet ästhetisches Probehandeln am Schnittplatz. Man untersucht Sichtbares und Hörbares auf Getrenntheiten und auf Zusammenhänge. Das ist Materialforschung der besonderen Art: neugierig, empirisch, unvoreingenommen und voller Überraschungen. Ein Schnittcomputer ist ein Laborgerät, eine Timeline ist Entwurfsskizze und Protokoll in einem.
 

Gesprächskultur
Arbeit im Schneideraum setzt die Entwicklung einer Gesprächskultur voraus. Es geht um so behutsames wie kontroverses, einfallsreiches lautes Nachdenken. Es ist uns wichtig, daß in den Seminar- und Schneideräumen, in den Kinos und den Fluren ein Klima des angstfreien Denkens herrscht und daß sich Seminargruppen beim Sehen und Hören und Sprechen auf gegenseitige Achtung und Aufmerksamkeit einschwingen. Offenheit, Tastversuche des Denkens, gemeinsames Ausloten sind erwünscht, radikale Neugier, persönliche Sicht, Eigenverantwortlichkeit, Selbständigkeit und Weltinteresse auch.

Lebenstätigkeit und Erwerbtätigkeit
Ist Kunst wichtig für die menschliche Existenz? Es scheint so zu sein. Essen, Schlafen und Autofahren reichen offenbar nicht aus. Künstlerische Arbeit ist Moment menschlicher Lebenstätigkeit. Nicht jede Montage ist künstlerisch. Nicht jeder Film ist Kunst. Ein Großteil der Filme im TV sind Filmpublizistik, Unterhaltung, Werbung, Information oder sonst was. Man kann damit Geld verdienen. Man kann damit Geld auch für anderes - unter anderem auch für eigene künstlerische Arbeit - verdienen. Es kann sein, daß solche Lebenstätigkeit mit Erwerbstätigkeit in Einklang zu bringen ist. Es muß nicht sein. Das muß man ausprobieren. Sobald man sich dabei vorfindet, an Filmen zu arbeiten, die man selber weder sehen noch hören will, wärs an der Zeit, mal nachzudenken. Wenn man einen Zyniker sprechen hört und man merkt, das ist man selber, scheint was schief gelaufen zu sein.

Regeln und eigene Suche
Montage wird im Studiengang Montage als offenes Gestaltungsverfahren begriffen. Montage besitzt keine Verkehrsregeln und -verstöße. Wir lehren keine Rezepte, Schnittregeln oder Tricks. Die einzigen Schnittfehler sind Halbherzigkeit und Lauheit. Jeder Film muß zu seinem ihm eigenen stimmigen Ausdruck finden. Für jeden Film gilt es, eine Sprache erst aufzuspüren. Dazu gehört das Recht auf Scheitern. Dazu gehört Mut und ein Umfeld der Ermutigung.
Textquelle:
Schumm, Gerhard (2004) Montage. In: Bewegte Bilder - Bewegte Zeit. 50 Jahre Film- und Fernsehausbildung HFF „Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg. Vistas-Verlag: Berlin. S. 167-169.