Was ein Schneideraum ist
Harun Farocki



Die Straßenarbeiter, wenn sie Kopfsteine verlegen, werfen einen Stein hoch und fangen ihn auf, jeder Stein ist anders, und wohin er gehört, das erfassen sie im Fluge.

Drehbuch und Drehplan, das ist Idee und Geld, die Filmaufnahme, das ist die Arbeit und das Geldausgeben. Die Arbeit am Schneidetisch, das ist etwas dazwischen.

Die Schneideräume sind meistens in Hinterzimmern, Kellern, auf Dachböden. Es wird viel außerhalb der normalen Arbeitszeit gearbeitet. Schneiden ist eine wiederkehrende Arbeit und begründet feste Arbeitsplätze, aber jeder Schnitt ist eine Sonderanstrengung. Eine, die etwas sichtbar macht, das zieht den Arbeiter in Bann, es wird für ihn schwer, Arbeitszeit und Lebenszeit einzuteilen. Die Zeit vergeht schnell. Der Film läuft vor und zurück auf dem Schneidetisch, und eine Stelle bezieht sich auf die andere; um zu einer Stelle zu gelangen, die zehn Minuten zurückliegt, muß man wieder zweieinhalb Minuten warten.

Bei diesem Hinundherfahren lernt man den Film sehr genau kennen. Kinder, die noch nicht sprechen können, merken sofort, wenn in der Küche ein Löffel am falschen Haken hängt. Diese Vertrautheit, der Film wird ein Raum, in dem man wohnt und zu Haus ist. Nach drei Wochen weiß derCutter, wo die Kamera ruckt, wo ein Blubser auf der Tonspur ist, oder wo ein Schauspieler eine Intonation macht, die eine Idiotie ist. Ein Regisseur, der auch selbst schneidet, sagte mir, er kann nicht verstehen, wie man einen Text übersetzen kann, den man nicht auswendig weiß. Das ist die Arbeit arn Schneidetisch: das Material so gut kennen, daß die Entscheidungen, wo man schneidet, welche Version einer Einstellung man nimmt, wo eine Musik einsetzt, sich von selbst treffen.

Das gestische Denken.

Am Schneidetisch erlebt man, wie wenig man mit Planungen und Absichten Bilder erzeugen kann. Alles, was man geplant hat, geht nicht auf. So, wie man in Erinnerung hat, ein Baum stünde vor einem Haus, und sein Wipfel schlüge im Wind gegen die Brüstung des Balkons - man kommt hin, und der Baum steht weit weg vom Haus, und beim Sprung gibt es einen Absturz mit Blicken. Bei m Drehen legt man Schnitte an, man inszeniert eine Bewegung, damit es einen Umschnitt geben kann, und am Schneidetisch wird man sehen, daß das Bild eine ganz andere Bewegung hat, der man folgen müßte. Es gibt auch die Erfahrungsregel, daß man die Schauspieler möglichst spät nach der Klappe anfangen lassen soll zu sprechen, und daß sie noch lange weiterspielen sollen, wenn ihr Part zu Ende ist. Es soll einfach Bild erzeugt werden, Bild wird man schon noch brauchen können.

Am Schneidetisch erfährt man, daß die Filmaufnahme eine neue Sache gesetzt hat.

Am Schneidetisch wird ein zweites Drehbuch erstellt, das bezieht sich auf das Tatsächliche und nicht auf die Absichten.

Am Schneidetisch, wenn das Bild vor- und zurückläuft, erfährt man die Eigenständigkeit des Bildlichen. So wie die Zeitlupen beim Fußballübertragen unseren Blick geschult haben für die versteckten Fouls und vorgetäuschten Fouls, lernt man am Schneidetisch die Fouls und vorgetäuschten Fouls einer Inszenierung sehen.

Umschnitt.

Im Schneideraum, da begegnen sich die Arbeit und die Herrschaft, man kann sich denken, wie solch eine Begegnung ausgeht. Ein Schneideraum ist ein unwirtlicher Ort, ähnlich den Verschlägen, in denen die Meister in den Fabriken oder die Poliere auf den Baustellen sich rumdrücken. Die vorgeschobenen Posten der Büroherrschaft auf dem Feld der Produktion.

Die Schneideräume haben oft einen Estrichfußboden wie eine Werkstatt, und dann ist da ein Teppich drübergelegt wie in einem Büro.

Das Büro. Positiv in den Wörtern wie Politbüro und Deuxiéme me Bureau, negativ in den Wörtern Bürohengst und Bürosuff. In der Literatur und in der literarisch inspirierten Zeitung wird das Büro gern zur Metapher des Sinnlosen genommen. Kafka öffnete uns die Augen dafür, daß ihm vor allem eine magische Funktion zukommt. Die Büros arbeiten angestrengt daran, einen Sinn der Welt zu beschwören. Die Büros sind eine Sprache, wie diese imstande, sich selbst zu reflektieren, ziehen sie eine Sprachphilosophie nach sich. Aufgabe dieser Philosophie ist die Frage, ob die Sprache in einer willkürlichen oder abbildlichen Relation zur Wirklichkeit steht (die auch nur in diesen Bürotermini gefaßt werden kann und nur darin existent ist). Das Büro sei also die Metapher der Sinnproduktion.

Insofern ist der Schneideraum ein Büro für den Film, als nichts die Arbeit in Taten und die Arbeit in Ideen beim Fernsehen so kritisieren würde, wie wenn man Bilder ungeschnitten, einen Tag lang nur, zeigen würde.

Das Arbeiten am Schneidetisch macht aus der Umgangssprache Schriftsprache. Die Bilder bekommen einen Aktendeckel, genannt Schnitt oder Montage.

Am Schneidetisch wird aus Gestammel Rhetorik. Weil es diese rhetorische Artikulation gibt, ist der Diskurs ohne Artikulation im Schneideraum Gestammel.

Am Drehort, da kann man die Kamera hierhin und dorthin stellen, das ist die Entscheidung von einer Minute, getroffen mit einem nachdenklich verzogenen Gesicht. Im Schneideraum wird dann eine Woche lang abgewogen, wohin dieses Ein-Minuten-Bild kommt.

Um einen Vorwand für den langen Aufenthalt im Schneideraum zu schaffen, wird die Frage von den getrennt aufgenommenen Bildern und Tönen und ihrer Parallelität dramatisiert. Das Wort - für nichts weiter, als daß ein Bildstreifen mit einem sich bewegenden Mund und eine Tonband mit Lauten, die zu diesem Mund passen, parallel und mit gleicher Geschwindigkeit laufen sollen - heißt: Synchronität. Kein Mensch macht sich etwas daraus, daß bei einem Auto die rechten und die linken Räder sich beim Fahren mit der gleichen Geschwindigkeit drehen.

Diese Synchronität wird so sehr dramatisiert, damit es einen Grund gibt, ein Bild vorwärts und rückwärts laufen zu lassen über Wochen. Diese rituelle Wiederholung setzt ein eigenes Recht. Statt der Bilder sieht man nach ein paar Wochen nur noch die Lebens- und Arbeitszeit, die man für sie vergeudet hat. Der Verwaltungsweg. Eine lächerliche, nichtige Tat wird auf einer fiktionalen Ebene so lange zirkuliert, bis es eine Akte gibt, einen Vorgang.

Ein obskurer Ort, so ein Schneideraum. Die Idee, Eichmann zu bestrafen, indem man ihm lebenslang Bilder von den Konzentrationslagern vorspielt, muß von einem Cutter kommen.

Im Schneideraum lernt der Regisseur für den Drehort. Er bekommt die Sicherheit, am Drehort nicht hinschauen zu müssen; was falsch gedreht ist, das kann man am Schneidetisch retten. Er verliert so sehr den Blick, daß er alles, was seine Arbeit am Drehort überstanden hat, in den Schneideraum bringt zum Verwischen.

Farocki, Harun (1980) Was ein Schneideraum ist. In: Filmkritik 24, 1, pp. 2-4.